Die heutige Kirche St. Gereon in Köln geht auf ein äußerst bemerkenswertes spätantikes Bauwerk zurück. Der ovale Großbau war 23,5 m lang und 19 m breit. Gegenüber dem Eingang mit einer Vorhalle befand sich eine große Apsis, vier kleinere halbrunde Nischen (Conchen) lagen auf jeder Seite. Im Inneren der heutigen Kirche sind diese Conchen sogar teilweise noch bis zur Oberseite erhalten. Im Mittelalter wurde das Gebäude umgebaut, der Zentralbau erhielt seine heutige zehneckige Gestalt. An der Außenseite gibt es aber immer noch Wandabschnitte aus römischer Zeit zu entdecken.

Abb. 1: St. Gereon, Köln. Der spätantike Ovalbau wird durch den romanisch-gotischen Zentralbau überformt.
Abb. 2: Spätantikes Mauerwerk mit einer Ziegelrosette an der Nordseite des Dekagons.

An dieses Gebäude schloss sich ein großer, ummauerter Hof, ein Atrium, mit einem Umgang an. Die Ummauerung des Atriums ist heute durch eine Bruchsteinpflasterung vor der Kirche angedeutet. Auch die Pfeiler, die den inneren Wandelgang stützten, sind durch eine Steinlage markiert. Das Bauensemble lag wenige Gehminuten außerhalb der Kölner Stadtmauer in der Nähe der Nordwestecke der Stadt. In diesem Bereich befinden sich Teile der antiken städtischen Gräberfelder.

Abb. 3: Blick auf das rekonstruierte Atrium mit dem Verlauf der Außenmauer im Boden (Vordergrund).

Um die Entstehung des monumentalen Gebäudes rankten sich schon früh einige Legenden. Manches davon hat die bisherige Forschung klären können. So ging der Bau nach der lokalen Überlieferung auf Kaiserin Helena (gestorben 330), die Mutter von Konstantin I., zurück. Der frühestmögliche Zeitpunkt der Erbauung des ovalen Gebäudes lässt sich anhand einer Münze des Kaisers Constans (geprägt 347/48) ermitteln, das Geldstück wurde bei Ausgrabungen im Fundament eines Pfeilers gefunden. Helena kann also nicht die Bauherrin gewesen sein. Die Forschung geht heute davon aus, dass der Ovalbau wohl nicht lange nach dem Münzprägedatum, in den 350er bis 360er Jahren, errichtet worden ist.

Als bester Vergleich zu dem Conchenbau gilt der auf einem zehneckigen Grundriss errichtete so genannte Tempel der Minerva Medica in der Stadt Rom. Dabei handelt es sich aber nicht um ein Heiligtum, der ursprüngliche Verwendungszweck ist nicht gesichert. Der „Tempel der Minerva Medica“ ist wohl etwas älter als der Vorgängerbau von St. Gereon und weist ebenfalls Conchen an den Seiten auf. Im Unterschied zum Kölner Bauerwerk wurde das Gebäude in Rom innerhalb der spätantiken Aurelianischen Stadtmauer errichtet. Der „Tempel der Minerva Medica“ war noch bis ins 19. Jahrhundert recht gut erhalten, auf historischen Abbildungen ist eine Kuppel zu erkennen, die den Innenraum überspannte. Nach einem solchen Vergleich lässt sich auch der ovale Vorgängerbau von St. Gereon mit einer Kuppel rekonstruieren.

Abb. 4: Der so genannte Tempel der Minerva Medici in Rom. Erkennbar eine der Conchen innen und die Kuppel. Stich von Giovanni Battista Piranesi.

Für manche Großbauten mit seitlichen Konchen oder Nischen sind die Funktion und der gesellschaftliche Kontext der Auftraggeber bekannt. Dazu gehören etwa Grabbauten für Mitglieder der kaiserlichen Familien in Rom. Beispiele sind das Mausoleum, das Kaiser Konstantin I. nach 326 für seine bereits erwähnte Mutter Helena errichten ließ, oder auch Santa Costanza, dieses Gebäude sollte wohl die Bestattungen von Konstantins Töchtern Constantia und Helena aufnehmen.

Die Größe von St. Gereon, die ehemals sehr reiche Bauausstattung mit Mosaiken und Marmor und der Vergleich mit Bauten wie den Vorgenannten ermöglichen den Schluss, dass die Initiative zur Errichtung des ursprünglichen Kölner Bauwerkes von einer bedeutenden Persönlichkeit ausging. Möglicherweise stammte diese sogar aus dem Kaiserhaus. Zur Bauzeit in der Mitte und der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts ist der Aufenthalt von Herrschern mit Autorität und Finanzkraft in den Nordwestprovinzen bezeugt. Politisch bedeutender als die Provinzhauptstadt Köln war allerdings das knapp 200 Kilometer entfernte Trier; dort residierte als Nachfolger von Konstantin I. etwa dessen Sohn Constans, der im Jahr 350 bei der Usurpation des Magnentius getötet wurde. In Köln wurde ein hoher Offizier mit Namen Silvanus im Jahr 355 von Soldaten zum illegitimen Gegenkaiser (Usurpator) ausgerufen, aber bereits nach 28 Tagen umgebracht. Im Folgejahr hielt sich der spätere Kaiser Julian in der Gegend auf, die von plündernden Franken heimgesucht worden war, und befreite die Stadt Köln. Valentinian I. (Kaiser von 364–375) nahm ab 367 Trier als Regierungssitz. Die in Trier ansässigen Kaiser haben die Rheingrenze bereist, in solchen Kontexten sind Aufenthalte in Köln bezeugt. Es lässt sich aber nicht sagen, ob einer der vorgenannten Herrscher (und wenn ja, welcher) den Vorgängerbau von St. Gereon in Auftrag gegeben hat.

Wozu der große Kölner Konchenbau am Anfang diente, ist bis heute ebenfalls nicht genau geklärt. Die Lage auf einem Gräberfeld und der Vergleich mit anderen Bauwerken bieten Hinweise darauf, dass es sich um eine äußerst opulente Grabanlage oder einen Memorialbau, also eine Gedenkstätte für eine andernorts verstorbene Person gehandelt hat. Dagegen gibt es keinen Hinweis darauf, dass das Gebäude schon in der Spätantike als Kirche geplant worden ist. Ein Gotteshaus nennt erst zwei Jahrhunderte später der Bischof und Geschichtsschreiber Gregor von Tours (lebte von 538–594) in seinem Werk über den Ruhm der Märtyrer (Liber in Gloria Martyrum 61); dieses wird mit dem großen Vorgängerbau von St. Gereon identifiziert. In dem Zusammenhang führt Gregor aus, dass in Köln 50 Märtyrer der Thebäischen Legion getötet worden seien, die in der Kirche verehrt werden.

Diese aus Christen bestehende Militäreinheit, die aus Theben in Ägypten stammen soll, hat es nach heutigem Kenntnisstand nie gegeben. In den Glaubensvorstellungen des Mittelalters spielte sie allerdings eine große Rolle. Geistesgeschichtlich interessant ist die Entwicklung dieser Legende. Nach der Überzeugung von Bischöfen im Wallis in der heutigen Schweiz erlitten die Thebäer ihren vorgeblichen Märtyrertod auf einem Feldzug des Kaisers Maximinian. Ihre Überlieferung setzte allerdings mehr als ein Jahrhundert später, in der Zeit um 400, ein. Eine dazu passende Stätte der Verehrung befindet sich in St. Maurice an der Rhone. Dort, so die Legende, verweigerten die Soldaten den römischen Göttern das Opfer. Da sie bei ihrer Haltung blieben, wurde die Legion zweimal dezimiert. Schließlich wurden nach der Erzählung auch die Übrigen umgebracht.

Im Lauf der Zeit entwickelte sich die Heiligenlegende weiter, so seien einige Soldaten der Thebäischen Legion in Zürich und Solothurn hingerichtet worden. Ins Rheinland und damit nach Köln kam die Erzählung dann später. Zu jener Zeit stand der Vorgängerbau von St. Gereon bereits, bei seiner Errichtung können die Geschichten um die Soldaten der Thebäischen Legion also noch keine Rolle gespielt haben. Übrigens kannte selbst Gregor von Tours den Namen des hl. Gereon noch nicht, dieser wurde im 7. Jahrhundert in die Legende eingefügt.

Eingang habe ich erwähnt, dass St. Gereon im Bereich der Kölner Gräberfelder römischer Zeit liegt. Dort wurden offenbar auch Menschen bestattet, die (wie die Thebäerheiligen) einen Bezug nach Afrika hatten. Schon ins 1. Jahrhundert n. Chr. datieren einige in der Nähe gefundene Grabsteine von Soldaten einer Reitereinheit, der Ala Afrorum, die ursprünglich in Afrika ausgehoben worden war.

Abb. 5: Grabstein des Reitersoldaten Romanus aus der Ala Afrorum mit Bewaffnung. Römisch-Germanisches Museum Köln.

Dass sich bei der Kirche ein älterer Friedhof befand, war im frühen Mittelalter bekannt. Leider wissen wir nicht, welche Funde die Menschen des frühen Mittelalters bei St. Gereon genau gemacht haben (außer den Gebeinen, deren Verehrung als Märtyrer Gregor von Tours bezeugt); und wie sie diese in ihre Vorstellungswelt mit einbezogen. Eine reizvolle Spekulation mag von einem Vergleich mit Objekten aus heutigen Museumsbeständen ausgehen. So wurde ein Teil einer Grabinschrift eines christlichen Offiziers mit Namen Donatus, der aus Afrika stammte und in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts starb, in Zweitverwendung in einem Sarkophag im Atrium eingemörtelt. Im Kircheninneren, dem Atrium sowie im Umfeld wurden noch weitere, auch christliche Grabinschriften gefunden, die sich allerdings nicht mehr in situ befanden. Überreste von spätantiken Körpergräbern wurden ebenfalls entdeckt, darunter Steinsärge.

Grabsteine von aus Afrika stammenden Soldaten oder Inschriften mit christlichen Symbolen, wie wir sie mehrfach aus dem Umfeld von St. Gereon kennen, hätten die Erzählungen um die Märtyrer der christlichen Thebäischen Legion vermutlich noch zusätzlich glaubwürdig gemacht. Denkbar wäre auch, dass die Kenntnis solcher Soldaten in der lokalen Überlieferung überlebt hat und zur Etablierung der Legende beitrug.

Der frühmittelalterliche Autor ergänzt in seinem Text Beschreibungen zum Gebäude (in deutscher Übersetzung nach Wolff S. 286 f.): Weil der wunderbare Bau mit seinem Mosaikschmuck wie vergoldet erglänzt, haben die Kölner sich daran gewöhnt, ihn „Die Goldenen Heiligen“ zu nennen.

Diese Bezeichnung passt zum archäologischen Befund. Von der antiken Mosaikausstattung ist heute noch ein kleiner Bereich des Fußbodens im Bereich einer Conche erhalten. Bei Ausgrabungen sind noch weitere vereinzelte Mosaiksteinchen gefunden worden, darunter auch goldfarbene. Ein Mosaik mit Motivbestandteilen in diesem Farbton hat es in dem Bauwerk also gegeben. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass die Kirche, die nach der Überlieferung aus dem 6. Jahrhundert noch „Zu den goldenen Heiligen“ genannt wurde, mit dem Ovalbau in St. Gereon identisch ist.

 
Abb. 6: Conche im Innenraum von St. Gereon. Die Reste des Mosaikfußbodens befinden sich hinter dem Gitter.
Abb. 7: Reste des spätantiken Fußbodenmosaiks in St. Gereon.

Ausgewählte Literatur finden Sie in Teil 2 des Blogs zu St. Gereon. Quellenübersetzung nach G. Wolff, Das römische-germanische Köln. 5. Auflage. Köln 2000. S. 286 f.

Bildautoren, Bildrechte und Abbildungsnachweise (1, 3 und 5 via Wikimedia Commons)

Abb. 1: © Coldrerio, St.Gereon aus der Vogelperspektive, CC BY-SA 3.0 DE

Abb. 2–3, 6–7: © Verfasser

Abb. 4: nach Giovanni Battista Piranesi

Abb. 5: © Sailko, Lapide funeraria per romanus, età flavia, 50 dc ca., da colonia (roemisch-germanischen museums, colonia) 02, CC BY 3.0


Kommentare

  1. Interessanter Artikel. Zeit sich mal näher damit auseinanderzusetzen.

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