Gewirkte Bilder – Bilder, die wirken
Kleidung und Stoffe gehören zu jenen Materialien, von denen sich nur selten Überreste aus dem Altertum erhalten haben. Zu den Ausnahmen gehören so genannte „Koptische Textilien“ oder „Koptische Stoffe“. Im trockenen Wüstenklima in Ägypten haben sich solche organischen Materialien besonders gut erhalten. Von dort fanden Textilien aus der Spätantike und dem frühen Mittelalter ihren Weg in Sammlungen und Museen weltweit. Darunter sind auch gewirkte Bildverzierungen (Abb. 1).

Das abgebildete Fragment zeigt in der Mitte einen mit einer Tunika und einem Umhang (chlamys) bekleideten, vor einem stilisierten Baum knieenden Jäger, der von einem Hund begleitet wird. Mit beiden Händen hält er einen kurzen Speer, der auf die Kehle einer getüpfelten Raubkatze, eines Panthers, gerichtet ist. Dieses zentrale Feld ist von einem Fries mit pflanzengefüllten Körben und Amphoren umgeben.
Die Herstellung solcher Bilder ist sehr aufwändig, bei der Technik des Wirkens werden die farbigen Fäden einzeln mit einer Nadel in das entstehende Gewebe eingefügt. Ein solcher Besatz kann dann als Verzierung eines Kleidungsstückes verwendet werden. Hier soll aber nicht näher auf die Arbeitsweise eingegangen werden, die heute im Rahmen der Archäotechnik rekonstruiert wird (Abb. 2). Vielmehr möchte ich einige kulturhistorisch interessante Texte zweier spätantiker Autoren vorstellen, die ihre Sichtweise auf die Außenwirkung von gewirkten Bilddarstellungen der Bekleidung überliefert haben.

Einer davon ist Asterius, der seit etwa 380/90 Bischof der Stadt Amaseia (heute Amasya, Türkei) war. Asterius sieht den Aufwand für die gewirkten Kleiderbesätze als Verschwendung an und beurteilt sie entsprechend sehr kritisch (Asterius, 1. Homilie). Nach einer kurzen Beschreibung der Wirktechnik weist er darauf hin, dass diese Malerei nachahmt, wobei unter anderem neutrale Motive wie Blumen oder Tiere dargestellt werden. Kleidungsstücke mit derartigen Bildern werden nach Asterius nicht nur für wohlhabende Männern, sondern auch für Frauen und Kinder aus reichen Familien gemacht. Der Bischof fährt dann fort, indem er über die Wirkung dieser und weiterer Darstellungen polemisiert: „Wenn sie dann in ihrem Anzuge hervortreten, erscheinen sie den Leuten wie gemalte Wände. Auch die Kinder stellen sich, einander zulächelnd, um sie herum und zeigen mit den Fingern auf die Gemälde in den Gewändern […] Da sieht man Löwen und Panther, Bären und Stiere und Hunde, Wälder und Felsen, Jäger und überhaupt alles, was die Natur nachahmende Malerkunst bildet. Denn sie müssten, wie es scheint, nicht bloß ihre Wände und Häuser schmücken, sondern auch ihre Kleider und Mäntel.“
Bildthemen wie von Asterius beschrieben finden sich im archäologisch überlieferten Bestand auch noch in späteren Jahrhunderten. Die Darstellung des Jägers mit Raubkatze und Hund (oben Abb. 1) ist hier nur ein Beispiel.
Zu Asterius komme ich später noch einmal zurück. Zunächst aber sei hier ein Textausschnitt des Dichters Ausonius (* um 310, + 393 oder 394) vorgestellt. Ausonius war ein sehr angesehener Redner und wurde von Kaiser Valentinian (regierte von 364 bis 375) an den Hof nach Trier berufen, wo er als Erzieher des Prinzen Gratian wirkte. Gratian wurde nach Valentinians Tod selbst Kaiser. Im Jahr 379 ernannte er seinen ehemaligen Lehrer zum Konsul, wofür sich Ausonius in einer Dankrede an Gratian ausführlich bedankte. In dem überlieferten Text (Ausonius G. a. XI) beschreibt er eine besondere Toga, die so genannte trabea. Diese war zu dem Zweck extra angefertigt worden, mit gewirkten Bildern versehen, und wurde ihm vom Kaiser geschenkt. Der Herrscher hatte die trabea selbst ausgesucht. Ausonius zitiert hier aus einem Begleitwort von Kaiser Gratian: „Eine palmata“ (als feststehender Ausdruck für die Verzierung des Gewandes mit Palmen) sagst du, „habe ich dir geschickt, auf dem der vergöttlichte Constantius, unser Erzeuger, eingewirkt (intextus) ist.“
Der vom Kaiser verfasste Satz hat hier eine besondere Bedeutung. Constantius II. war der Sohn von Konstantin dem Großen und außerdem der Großvater von Gratians Ehefrau Constantia. Damit stellte das Kleidungsstück expressis verbis einen direkten Bezug zwischen der kaiserlichen Familie und Ausonius her. Auf der trabea des neuen Konsuls kann ein Bild also eine klare politische Botschaft haben. Dies ordnet er im Anschluss entsprechend ein: „[…] dieses Kleidungsstück ist bemalt (lateinisch picta), wie gesagt wird, aber nicht besser mit seinen goldenen [Verzierungen] als mit deinen Worten.“ Im gesellschaftlichen Kontext wird die politische Bedeutung der verzierten Toga auf mehreren Ebenen betont. Sie ist ein vom Kaiser eigenhändig ausgesuchtes Präsent, sie bezieht darüber hinaus den Empfänger in dessen familiäre Tradition mit ein. Ausonius kann durch den Begleittext nachweisen, dass der Herrscher dies auch genauso gemeint hat. Dies macht er im Anschluss noch einmal ganz deutlich, wenn er schreibt, dass auf dem Kleidungsstück eigentlich zwei Kaiserpersönlichkeiten herauszuerkennen sind. Einmal ist dies der tatsächlich im Bild eingewebte Constantius und dann, indirekt durch sein Geschenk, auch Gratian. Bei einem öffentlichen Auftritt von Ausonius bekam das Publikum also unmittelbar vor Augen geführt, dass dieser hoch in der Gunst des Kaisers stand.
Bilder auf der Kleidung eignen sich aber nicht nur für die Vermittlung von offiziellen Botschaften. Auch die private Selbstdarstellung ist in antiken Texten als Ziel dieser Kommunikationsform benannt. Ausonius selbst tadelt in einem Epigramm (Auson. epigr. XLV, Zählung nach White) einen Neureichen, der seine Behauptungen nicht überzeugend vermitteln kann. Jener, so der Dichter, führte den Gott Mars sowie die römischen Stadtgründer Remus und Romulus unter seinen Vorfahren auf. Weil er möchte, dass dies auch jeder sieht und weiß, ließ er deren Bildnisse in seine Gewänder einfügen. Darüber hinaus wären die Abbilder der vorgeblichen Ahnen auch auf seinem Silbergeschirr eingraviert und auf Malereien in seinem Haus zu finden. Dies sei, so Ausonius, aber nur eine subjektive Wahrheit – alle anderen wüssten um seine niedrige Abkunft. Daher werden sie auch die Bildaussagen des so Gescholtenen nicht glauben. Personen und Szenen aus der Mythologie sind übrigens des Öfteren auf Alltagsgegenständen zu finden, auch auf gewirkten Textilien (Abb. 3).

Interessanterweise gibt es eine Textstelle bei dem im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibenden Dichter Petronius, in dessen satirischem Roman Satyricon der neureiche Freigelasse Trimalchio ebenfalls seine Herkunft bildlich darstellen lässt (Petron. 29). Dieser ist allerdings so ehrlich, seinen gesellschaftlichen Aufstieg auf dem Sklavenmarkt beginnen zu lassen. Auf den beschriebenen Malereien in Trimalchios Haus verhelfen dann die Gottheiten Merkur, Minerva und Fortuna ihm persönlich zu Reichtum und Ansehen. Bei Petron wird an dieser Stelle keine entsprechend „bebilderte“ Kleidung aufgeführt. Die beiden Texte mögen dennoch als Beispiele dafür genügen, dass wohlhabende Schichten über einen langen Zeitraum hinweg Bilddarstellungen im Alltag zur individuellen Selbstdarstellung nutzten.
Ausonius hat übrigens noch einmal in seinem Cento nuptialis, dem so genannten „Flickwerk“, von Texten zur Hochzeit, eine spezielle Bezeichnung für die Verzierungsform gewählt. Die chlamys eines Bräutigams war demnach pictus acu, mit der Nadel bemalt (Auson. C. n. IV). Das Dekor bestand demzufolge aus einem purpurnen Mäander und war darüber hinaus mit Goldfäden ausgeführt, auf deren Muster geht der Dichter aber nicht näher ein. Dass die textile Technik des Wirkens mit einer Malerei verglichen wird, begegnet in der antiken Literatur mehrfach (vgl. etwa oben bei Asterius).
Gewirkte Gewandverzierungen sind als textile Originale erhalten, sie sind aber auch auf anderen Denkmälern abgebildet worden. Ein prominentes Beispiel aus dem 6. Jahrhundert findet sich in der Basilika San Vitale in Ravenna. Der hier gezeigte Ausschnitt eines Mosaiks zeigt Theodora I. (* um 500, + 548), die Ehefrau des oströmischen Kaisers Justinian (Abb. 4). Das purpurfarbene Gewand der Kaiserin ist an der unteren Kante verziert, erkennbar sind neben einer goldenen Bordüre zwei Männer, die nach links schreiten (sowie die Beine eines dritten) und Schalen oder Schüsseln in Händen halten. Als Details sind noch deren nach vorn fallenden „Zipfelmützen“ und Hosen zu nennen. Danach sind diese Personen eindeutig zu identifizieren, es handelt sich um die drei Magier, die auch als Weise aus dem Morgenland und heute oft als die Heiligen Drei Könige bezeichnet werden. In einem ebenfalls in Ravenna in der Kirche S. Apollinare Nuovo befindlichen Mosaik sind diese mit Namen genannt (Abb. 5). Auch hier bringen sie Geschenke und tragen Hosen sowie die typischen, so genannten phrygischen Mützen. Nach der Weihnachtsgeschichte im Matthäusevangelium der Bibel (Mt. 2,1–12) wurden Magier durch einen Stern zum neu geborenen König der Juden geführt und kamen, ihm zu huldigen. Irrtümlich zogen sie nach dieser Erzählung allerdings erst zum amtierenden König Herodes und gelangten erst dann zum wahren König, dem Jesuskind. Die verzierte Kleidung der Kaiserin Theodora nimmt also ein biblisches Motiv auf.

Das Bild der Magier wurde für die Darstellung in der Kirche vielleicht nicht zufällig gewählt. Die Stadt Ravenna war nämlich schon im Jahr 493 unter die Herrschaft der Ostgoten geraten. Die Ostgoten waren Arianer, eine christliche Strömung, die mit der „orthodoxen“ Lehre in Konflikt stand. Im Jahr 540 wurde Ravenna von Truppen Justinians erobert, das hier gezeigte Mosaik der Theodora entstand wenige Jahre später. Die zeitgenössischen Kirchenbesucher konnten daher die Botschaft des Kleiderschmucks der Kaiserin sinngemäß so verstehen, dass sich religionspolitisch etwas geändert hatte. So wie die Magier erst nach einem Fehler ihren Weg geändert und zu Christus gefunden hatten, kann auch der neue, richtige Weg in der Religion nur der sein, der zu den oströmischen Herrschern und ihrer Auffassung führen.

Aus kulturgeschichtlicher Sicht ist es ein Glücksfall, dass der eingangs genannte Bischof Asterius sich auch über die Außenwirkung christlich verzierter Gewänder geäußert hat. In der erwähnten Quelle (Asterius, 1. Homilie) fährt er fort: „Und die reichen Herren und Damen, die für sehr fromm gelten, stellen [für die Kleidung] eine Blütenlese zusammen aus den Geschichten des Evangeliums und bestellen diese bei den Webern, ja was sage ich? Sie wollen unseren Herren selbst samt seiner Jüngerschar und sämtliche Wunderzeichen, wie sie dort berichtet werden. Da sieht man die Hochzeit zu Kana mit den Wasserkrügen, den Gichtbrüchigen, der auf den Schultern sein Bett davonträgt, den mit ein wenig Schlamm geheilten Blinden; die Blutflüssige, die den Kleidsaum berührt, die Sünderin, die vor Jesu Füßen sich niederwirft, und Lazarus, der aus dem Grab zum Leben wiederkehrt. Und indem sie sich so aufführen, bilden sie sich ein, fromm zu handeln und gottgefällige Kleidung zu tragen. Wollen sie aber auf meinen Rat hören, so sollen sie nicht diesen Tand tragen […].“
Als Theologe lehnt Asterius diese Kleidung aus unterschiedlichen Gründen ab. Dennoch lassen sich einige Aspekte über die beabsichtigte Selbstdarstellung und Außenwirkungen der Bilder in der antiken Lebenswirklichkeit herausarbeiten. So geht aus dem Text hervor, dass die religiösen Darstellungen bestellt werden. Die Kunden haben die Absicht, so als fromm zu gelten. Der Kleiderschmuck soll also vom sozialen Umfeld verstanden werden. Die Trägerinnen und Träger ordnen sich selbst also klar einer religiösen Gruppe zu. Zu Lebzeiten des Asterius am Ende des 4. Jahrhunderts etabliert sich das Christentum als Staatsreligion, doch hängen viele Menschen noch traditionellen paganen Vorstellungen an. Die Verwendung christlicher Bilder auf Alltagsgegenständen in der Öffentlichkeit ist in diesem Zusammenhang eine eindeutige Positionierung. Bei den drei Magiern auf dem Gewand der Kaiserin Theodora im 6. Jahrhundert ist es möglich, dass eine konkrete appellierende oder konstituierende Aussage zur „richtigen“ christlichen Lehre beabsichtigt war.
Den Beweggrund einer soziologisch motivierten privaten Selbstdarstellung finden wir bei dem von Ausonius bespöttelten Neureichen, der gewirkte Bilder zur Konstruktion eines Narrativs der eigenen Abkunft nutzen möchte, auch wenn dies misslingt. Im Zusammenhang der vom Kaiser zum Konsulat geschenkten trabea wird dagegen die Aufnahme des Ausonius ins familiäre Umfeld und den sozialen Gunstkreis des Herrschers, wie nicht anders zu erwarten, als Erfolg dargestellt.
Antike Quellen, Originalfunde, Darstellungen und archäotechnische Rekonstruktionen bieten in der zusammenfassenden Betrachtung relativ komplexe Informationen über gewünschte und erzielte Wirkungen gewirkter Gewandverzierungen. Aus kostbaren Materialien wie Purpur- oder Goldfäden und mit großem Arbeitsaufwand gefertigt sind sie ein sichtbares Zeichen von Wohlstand. Die Nutzung von Kleidung als Bildträger ist offenbar im sozialen Habitus dieser Schichten verankert, wie es für Darstellungen in Wohnhäusern oder auf anderen Materialgruppen wie Geschirr bekannt ist. Gewirkte Kleiderstoffe können bei besonderen offiziellen Veranstaltungen getragen werden, bei privaten Zeremonien wie einer Hochzeit, aber offenbar auch im Alltag. Schriftquellen weisen auf eine Nutzung außerhalb von Ägypten hin, die Fundorte der archäologischen Originale lässt jedenfalls nicht auf die ursprüngliche Verbreitung schließen. Die Motive können neutral sein, sie können, je nach individueller Situation, aber auch konkrete gesellschaftliche, religiöse oder politische Botschaften transportieren.
Für Informationen danke ich Gisela Michel sehr herzlich.
Im Text genannte antike Quellen:
Asterius, Homilien: J. Engelhardt (Übers.), Die Homilien des Asterius von Amasea: Uebersetzung, Anmerkungen, Abhandlungen I. Erlangen 1830.
Ausonius, Dankesrede (Gratiarum actio), Epigramme, Hochzeits-„Flickwerk“ (Cento nuptialis): Vgl. etwa H. White (Hrsg. u. engl. übers.), Ausonius (2 Bände). London 1919–1921.
P. Dräger (Hrsg., übers. u. komm.), Decimus Magnus Ausonius, Sämtliche Werke (3 Bände). Trier 2011–2015.
Petron: C. Hoffmann (Hrsg. u. übers.), Petronius, Satiricon. München 1948.
Bildquellen:
Abb. 2 Verfasser. Die Übrigen nach Wikipedia – 1) The Metropolitan Museum of Art, CC0 0.1 – 3) Marie-Lan Nguyen – 4) Petar Milošević, CC4.0 – 5) Mentnafunangann, CC4.0
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