Heilige im Brunnen? – Forschungen und Legenden zu St. Gereon in Köln (Teil 2)
Im ersten Teil dieses Blogs konnten Sie etwas über die Legende Heiligen der Thebäischen Legion erfahren, die der frühmittelalterliche Bischof und Geschichtsschreiber Gregor von Tours für Köln erwähnt. Dort hätten 50 Soldaten der aus Theben in Ägypten stammenden Militäreinheit das Martyrium erlitten.

Nach heutigem Kenntnisstand hat es diese Legion allerdings gar nicht gegeben. Gregor berichtet weiterhin (Liber in Gloria Martyrum 61): Einmal litt Bischof Eberigisil, der damals in der Stadt regierte, an der einen Seite an heftigen Kopfschmerzen […] Von den genannten Schmerzen war er schon ganz schwach geworden und schickte seinen Diakon zur Basilika der Heiligen. In der Mitte dieser Kirche ist, wie erzählt wird, ein Brunnen [im lateinischen Original: puteus], in den die Heiligen nach ihrem Märtyrertod allesamt hineingeworfen worden sind. Der Diakon nahm Erde [lat. pulverem] heraus und brachte sie zum Bischof, und in der Tat, sowie dieser den Kopf daran hielt, war er geheilt.
Die migräneartigen Beschwerden des Bischofs Eberigisil (gestorben wohl vor 594) hat der Staub von einer bekannten Bestattung demnach schnell beseitigt. Derartige Wunder mit Staub oder auch Öl von Heiligengräbern sind nicht nur aus dem Mittelalter bekannt. Sie beförderten natürlich auch den Glauben an die Wirkmächtigkeit und damit die Echtheit des Märtyrergrabes.
Eine zentrale Frage für diesen Blog schließt sich an die Erwähnung des Brunnens an, den Gregor nur vom Hörensagen (‚wie erzählt wird‘) kennt. In der Kirche St. Gereon haben im 20. Jahrhundert umfangreiche Ausgrabungen stattgefunden. Dabei wurde unter anderem einige römische Bestattungen und Grundmauern eines rechteckigen Bauwerkes gefunden, welches als cella memoria (Gedenkstätte bei einem Grab) interpretiert wird. Überreste eines in der Geschichte erwähnten Brunnens, der 50 Leichen hätte fassen können, wurden trotz der Suche aber nicht entdeckt.
Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass archäologische Befunde bereits durch die Suche nach Reliquien im Mittelalter zerstört worden sind. In der Tat berichtet ein anonymer Mönch um 1105 vom Kölner Erzbischof Anno II., der um 1067 in St. Gereon Umbauten vornehmen und auch nach Reliquien suchen ließ (Übersetzung nach Wolff S. 287): [Anno] verwandte seine Zeit darauf, die Leiber, die heiligen Reliquien, zu suchen. Hoffnungsvoll auf dieses Ziel gerichtet, hob er den marmorbedeckten Boden innerhalb der Basilika [St. Gereon] ab und fand den Anführer jener heiligen Gemeinschaft […] mit Namen Gregor. Um ihn herum ruhten seine Gefährten; er aber war sorgfältiger als die übrigen bestattet, eingehüllt in einen purpurnen Kriegsmantel, der an den Rändern von einem auffallend schönen Goldgewebe gesäumt war. Diesen und einige andere erhob er mit der schuldigen Ehrfurcht aus dem Grabe auf den Altar […].
Aufgrund der Lage im Gräberfeld ist es aus heutiger archäologischer Sicht nicht ganz unerwartet, dass die Gläubigen des hohen Mittelalters in St. Gereon auf Särge mit Gebeinen stießen. Von einem Brunnen ist in dem Bericht freilich nicht die Rede. In der Krypta unter dem Altar der Kirche stehen drei Steinsarkophage, in denen sich Knochen der angeblichen Märtyrer befinden. Bestattungen von Angehörigen der spätrömischen Oberschicht, in denen Goldgewebe von sehr aufwändiger Kleidung archäologisch nachgewiesen ist, gibt es etwa in Trier. Außerdem wurden auch im Frühmittelalter noch Steinsärge hergestellt, weiterhin benutzte man in dieser Zeit ältere römische Sarkophage erneut. Der Erfolg der Ausgrabungen von Anno ist also leicht erklärbar.
Für das Fehlen eines archäologischen Brunnenbefundes gibt es aber noch andere Erklärungsmöglichkeiten. Es ist nicht auszuschließen, dass der frühmittelalterliche Autor hier einer Falschinformation aufgesessen ist oder ein erzählerisches Narrativ bedienen wollte (man denke etwa an den alttestamentlichen Josef, der von seinen Brüdern in einen Brunnen geworfen wurde). Daher gehen heutige Forschende häufig davon aus, dass eine solche Vertiefung gar nicht existiert hat. Im Bereich eines Gräberfeldes wäre vermutlich ohnehin kein Brunnen für Trinkwasser angelegt worden.
Ein Blick in das Wörterbuch der überlieferten lateinischen Vokabeln, den Thesaurus Linguae Latinae, ermöglicht zusätzlich zu den bisherigen Lösungsvorschlägen noch einen neuen interessanten Denkansatz. Der Begriff ‚puteus‘ wird demnach nicht nur für einen Brunnen im Sinne einer Wasserstelle oder einer Zisterne benutzt. Das Wort wurde darüber hinaus noch im Zusammenhang mit dem Vergraben von Toten verwendet. Der im 1. Jahrhundert v. Chr. schreibende römische Grammatiker Varro (De Lingua Latina 5,25) überliefert, dass am Esquilin in Rom die Leichen von armen, mittellosen Menschen in solchen ‚puteis‘ vergraben worden sind. Es ist dort so gemeint, dass die Körper in diesen einfachen Gruben würdelos bestattet wurden, um zu verrotten. Auch in spätantiken Kommentaren (den so genannten Scholien) zum Satiriker Horaz (zu Hor. sat. 1, 8, 10) wird der Begriff im Zusammenhang mit würdelosen Begräbnissen benutzt.
Im Deutschen kennen Sie vielleicht die so genannten Teekesselchen-Worte, die mehrere unterschiedliche Bedeutungen haben. So etwas gab es auch im Lateinischen, dort bedeutet beispielsweise ‚malum‘ sowohl ‚Apfel‘ wie auch ‚Unglück‘. Sollte Gregor – oder dessen Mittelsmann, von dem er seine Information bezogen hat – das Wort ‚puteus‘ als Teekesselchen in der Bedeutung eines Begräbnisortes benutzt haben? In diesem Fall wäre es nicht nötig, überhaupt einen Brunnen im Sinne einer Wasserstelle (oder eine Art Schacht) in St. Gereon anzunehmen. Der Begriff könnte in Anbetracht der angeblichen 50 Märtyrer könnte dies als Massengrab gelesen werden, als Steinsarg mit Nachbestattungen oder als Häufung vieler Skelette auf engstem Raum. Für das ungeschulte Auge könnte sich die Lage im Gebäude, etwa bei Bodenarbeiten, durchaus so dargestellt haben. Derartige Befunde sind heute sogar nachweisbar, bei den modernen Ausgrabungen um St. Gereon sind nicht nur Steinsärge gefunden worden (Abb. 2), sondern auch ein Massengrab; und auch im Inneren des Ovalbaus wurde eine offenbar gestörte Mehrfachbestattung mit vier Schädeln und durcheinanderliegenden Knochen angeschnitten (Grab 78/41). Ob ein konkretes Fundensemble dieser Art im Frühmittelalter als Ausgangspunkt der Legendenbildung diente, lässt sich natürlich nicht sagen.

Doch nun zurück zur lateinischen Überlieferung. Gregor von Tours gehört leider nicht zu denjenigen Autoren, die Freude daran hatten, ihre Belesenheit durch ausführliches Zitieren klassischer lateinischer Autoren zu zeigen. In diesem Fall wäre einsichtig, dass der frühmittelalterliche Bischof die Bedeutung von ‚puteus‘ als Grab gekannt hat. So einfach ist es aber nicht. Gregor von Tours hat von sich selbst behauptet, dass er ein nur relativ einfaches Latein schreiben konnte. Möglicherweise wurde ihm deshalb in der Vergangenheit nicht unbedingt zugetraut, mit seinem Wortschatz einen ‚puteus‘ als Begräbnisstätte und nicht als Brunnen beschreiben zu wollen. Allerdings wird in jüngeren Forschungen betont, dass die Bescheidenheit bei antiken Schriftstellern eine beliebte Floskel, ein Topos war. Auch ist die sprachliche Einfachheit für Gregor von Tours ein Stilmittel gewesen. Der Bischof wollte, dass sein Publikum die Geschichten verstand, auch wenn die Leute nur ein schlichtes spätes Latein sprachen. Sein eigener Bildungsstand war demgegenüber aber wohl besser, als es vordergründig erscheint.
Tatsächlich hat der Autor an einer anderen Stelle beschrieben, wie sich Sigismund von Burgund nach einer Niederlage vergeblich zu den Heiligen nach St. Maurice (also zu den Thebäern, vgl. oben) retten wollte und dabei den Tod fand (Gregor von Tours, Geschichte der Franken III, 6. Übersetzung nach Buchner): … sogleich ließ [König Chlodomer] Sigimund, sein Weib und seine Kinder töten und […] in einen Brunnen (‚puteus‘) werfen. Ob es Zufall ist, dass Gregor von Tours gleich zweimal im Zusammenhang mit den Thebäern von Toten im Brunnen spricht, sei dahingestellt. Ein Unterschied besteht zwischen den beiden Geschichten insofern, da in Köln die Märtyrer selbst im ‚puteus‘ lokalisiert werden, im anderen Fall die königliche Familie des Sigismund in einem solchen endet. Vergleichbar könnte hingegen eine gemeinsame Bedeutung des „Werfens“ sein, die eine Erniedrigung der eigentlich hochstehenden Persönlichkeiten beinhaltet. Bei den als Heiligen verehrten Thebäern war dies die unwürdige Bestattung durch die Christenverfolger, bei Sigismund und seinen Angehörigen ein schmachvolles gemeinschaftliches Beseitigen oder Verscharren der Körper aus politischen Gründen. Übrigens hat Gregor mit Blick auf seine Zeitgenossen vielleicht noch einen weiteren Grund für die Wahl des Begriffs ‚puteus‘ gehabt, war doch nach dem Pactus Legis Salicae (einem im fränkischen Reich geltenden Gesetz) das Werfen einer lebenden oder toten Person in einen Brunnen ein Verbrechen. Im Zusammenhang mit einem Martyrium kann durch die Wortwahl mit dem „Wurf in den Brunnen“ das Unrecht, welches an den Heiligen begangen wird, noch gesteigert werden.
Wenn wir dem Autor eine so gute Kenntnis des Lateinischen zutrauen, dass er die beschriebene doppelte Bedeutung von ‚puteus‘ (als Brunnen und als Grab) gekannt hat, dann konnte er diese auch bei der Geschichte der Märtyrer der Thebäischen Legion in Köln im Funeralzusammenhang effektvoll benutzen. Die bei Gregor von Tours überlieferte Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, dass für die zunächst geheimnisvolle Bemerkung über die legendarischen Heiligen im Brunnen in der Kölner Kirche, zusätzlich zu den bisherigen Erklärungen, noch eine ganz andere Deutung möglich ist. Denn wenn Gregor oder dessen Mittelsmann mit dem ‚puteus‘ eine Begräbnisstätte beschreiben wollten, dann haben sie mit den römischen Bestattungen im Vorgängerbau von St. Gereon genau das Richtige getroffen.
Für ihre Hilfe bei der Interpretation der lateinischen Begriffe und Zitate danke ich Sonja Ackermann sehr herzlich!
Quellen- und Literaturauswahl den beiden Blogs zu St. Gereon
R. Buchner, Gregor von Tours – Zehn Bücher Geschichten (Lat. mit dt. Übers.). 2. Bände (Darmstadt 1977).
B. Krusch (Hrsg.), Gregor von Tours, Liber in Gloria Martyrum. Lat. Ausgabe. MGH Scriptores rerum Merovingicarum Band 1, 2 (Hannover 1885).
G. Wolff, Das Römisch-Germanische Köln. 6. Aufl. Köln 2005. Darin S. 286 f. Auszüge der Übersetzung von Gregor von Tours, Liber in Gloria Martyrum 61; S. 288 zur Vita von Anno II. Allgemein zu St. Gereon S. 233–236.
J. Deckers, St. Gereon in Köln – Ausgrabungen 1978/79. JBAC 25, 1982, S. 102–131.
W. Eck, Köln in römischer Zeit. Geschichte der Stadt Köln 1 (Köln 2004) S. 667–670.
B. u. H. Galsterer, Die römischen Steininschriften aus Köln. 2. Auflage. Kölner Forschungen 10 (Mainz 2010) bes. S. 294–296 zu den bei St. Gereon gefundenen Grabsteinen der wohl aus Afrika stammenden Ala Afrorum (Nr. 354–356) sowie S. 334 Nr. 401 zur Inschrift des Donatus. Vgl. auch die in und im Umfeld von St. Gereon (verlagert oder in Zweitverwendung) gefundenen spätantik-frühmittelalterlichen christlichen Grabinschriften S. 506–521.
C. Jäggi, Die Verehrung der Thebäerheiligen in Spätantike und Frühmittelalter: Was sagen die archäologischen Quellen? In: O. Wermelinger u. a. (Hrsg.), Mauritius und die Thebäische Legion. Act. Coll. 17.–20. Sept. 2003, Fribourg, Saint-Maurice, Martigny. Paradosis 49 (Fribourg 2005) S. 173–192 bes. S. 175–177 zu St. Gereon.
J. Kremer, Studien zum frühen Christentum im Rheinland (Dissertation Bonn 1993). Zum Brunnen in St. Gereon bes. S. 133.
S. Ristow, Frühes Christentum im Rheinland. Jahrbuch 2006 des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (Münster 2007) S. 116–122.
R. Schirner, Ein ungebildeter Bischof oder ein unterschätzter Gelehrter? Prämissen, Probleme und Perspektiven einer neuen Edition der Historien des Gregor von Tours. Millenium 20/1, 2023, S. 255–286.
Thesaurus Linguae Latinae X,2, Sp. 2753–2756 s.v. puteus (Kruse).
U. Verstegen, Ausgrabungen und Bauforschungen in St. Gereon zu Köln. 2 Bände. Kölner Forschungen 9 (Mainz 2006). Darin zusammenfassend Vorlage der Funde und Befunde, Diskussion der legendarischen Überlieferungen, Darstellung der Forschungsgeschichte und Vorstellung von vergleichbaren Bauten.
Abbildungsnachweise, Bildautoren und Bildrechte
Abb. 1: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikipedia Commons), Sarkophag des Märtyrers Gereon und seiner Gefährten der Thebäischen Legion in der Krypta, St. Gereon, Köln-4698, CC BY-SA 4.0
Abb. 2 © Verfasser
Schreibe einen Kommentar