Und noch eine Lokalisierung der Varusschlacht
„Der Streit um den Ort der Varusschlacht ist für die Forscher fast noch ein größeres Unglück als für die Römer selbst.”
Dieser schöne Satz ist der einzige Grund, einen dreiundneunzig Jahre alten Artikel aus der „Glocke“ noch einmal in Erinnerung zu bringen. Sie berichtete am 31. Januar 1933, also einen Tag nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, über die Generalversammlung des Historischen Vereins Dortmund. Der Abend klang aus mit einem für einen seriösen Geschichtsverein der Weimarer Zeit schon etwas antiquierten Vortrag zur Lokalisierung der Varusschlacht. Neben den szenetypischen Zwerglein und Drachen wurden in dieser Nacht sage und schreibe drei neue vermeintliche Legionslager und sogar eine meterhohe „Varus“-Steininschrift bei Zierenberg in die Schlachtdebatte geworfen. Das anwesende überregionale Fachpublikum ließ sich allerdings nicht davon überzeugen.
Wer hätte damals gedacht, dass das Thema hundert Jahre später noch eine solche Rolle spielt?

Wo Hermann die Römer schlug? Neue Hypothesen zur Örtlichkeit der Hermannsschlacht.
Theoretisches ─ Allzu theoretisches.
Der „Historische Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark“ hielt gestern seine Jahresversammlung ab. ─ U. a. wurde mitgeteilt, daß sich eine „Geschichte der Stadt Dortmund“ von Dr. Luise von Winterfeld in Vorbereitung befindet, die gegen Ostern erscheinen soll. Eine Anzahl von Ahnentafeln und Familiengeschichten wurden dem Verein auch in diesem Jahre geschenkt. Die Vorstandswahl ergab [die] Neuwahl von Dr. Johann Daniel Gerstein (anstelle des bisherigen Schatzmeister Robert Wiskott) und Korvettenkapitän a. D. Armin Barop (anstelle von Dr. Theodor Rensing), im Übrigen eine Wiederwahl. Nach Schluß des geschäftlichen Teils des Jahresversammlung sprach der Geschichtsforscher Dr. Karl Tappe, Kassel, über seine neuesten Forschungen zu dem Thema „Siegfried, Hermann und die Varusschlacht“. Der Redner, der in 250 verschiedenen Werken und Schriften über die Varusschlacht sämtliche Theorien studiert hat, ist der Meinung, daß diese sich mit den geschichtlichen Quellen römischer Autoren keineswegs decken und begab sich selbst auf die Suche nach der Örtlichkeit der Varusschlacht. Hierbei stieß er auf die Höhle unweit der Itter, in der er einen Beweis für den geschichtlichen Kern der Siegfriedsage sieht, zugleich einen Beweis gegen die Ansicht vieler Forscher, Siegfried sei die Sagengestalt des geschichtlichen Hermann. Dr. Tappe geht von einem Reisebericht des isländischen Abt Nikolaus, der 1172 von Island über Bremen nach Rom reiste und in seinem Tagebuch zwischen Paderborn und Mainz, eine Strecke, für die er vier Tagereisen brauchte, die Ortschaften Horus und Kiliander erwähnt, zwischen denen auch die Stelle liege, an der Sigurd (germanisch Siegfried) den Drachen erschlug. Er fand in Niedermarsberg [bei Brilon] die mittelalterliche Bezeichnung „Horus“ und entdeckte in „Kiliander“ das heutige Korbach, dort steht die älteste Kirche des ganzen Ländchens Waldeck, eine Kilianskapelle. Dort liegen auch die Nittarfelder der Edda, die man ohne Schwierigkeit in der heute noch üblichen Flurbezeichnung „Nittarsin“ unweit des Flußlaufes der Itter, wiedererkennen könne, die vielgesuchte „Gnittaheide“, auf der Siegfried von der Hand des Hagen Tronje nach der Sage den Tod fand.
Etwa 500 m bis 600 m von dort entfernt haben die Bauern dem Redner eine gewaltige Höhle gezeigt, von der aus man durch ein Felsentor in eine zweite Höhle und dann durch einen 60 m langen Stollen bis vor den verschütteten Eingang zu einer dritten Höhle, der Haupthöhle, gelangt, die noch verschlossen sei. In 2,5 m Höhe finde sich dort im Felsgestein die völlig naturgetreue Versteinerung eines Sauriers von 15 m Länge, eines krokodilähnlichen oder echsenähnlichen Tieres, in dem Dr. Tappe den „Drachen“ der Siegfriedsage sieht. Das Fabeltier scheine zwischen Felsmassen eingeklemmt und dort verendet zu sein. Jeder Wirbel des Tieres sei noch deutlich zu erkennen. In der dritten Höhle, deren Eingang verschüttet ist und durch Beauftragte des Völkerkundemuseums Berlin angegraben werden soll, vermutet die Bevölkerung der Überlieferung nach, einen alten Goldschatz der Zwerge. In nächster Nähe, oberhalb der Itterquelle, liege das Städtchen Goldhausen mit dem einzigen deutschen Goldbergwerk, wo Gold unter den Bodenschätzen sei auch die Sage vom Goldschatz der Nibelungen verständlich. Aus alledem leitet der Redner den Schluß her, daß hier tatsächlich die Grundlagen für das Nibelungenlied zu finden seien, dessen geschichtlicher Kern in vorgeschichtlicher Zeit liegt, Siegfried und Hermann könnten nicht identisch sein. ─ Nun heiße es, weiter nach der Hermannsschlacht zu suchen, die nach dem Vortragenden mit der Siegfriedsage nichts zu tun habe. Dr. Tappe setzte sich hierbei mit den anderen Theorien des Pfarrer Otto Prein und des Forschers Franz Hülsenbeck auseinander. Er rekonstruierte den Zug des Germanicus 15 n. Chr. sechs Jahre nach der Varusschlacht, und entdeckte dabei, daß die „Lipper Theorie“ von der Schlacht im Osning, der 1531 durch den Arzt Dr. Philipp Clüver den Namen „Teutoburger Wald“ erhielt, unmöglich stimmen könne. Er suchte und glaubte die Spuren dreier Römerlager im südlichen Sauerland zu finden, dicht an der Stammesgrenze der einstigen Cherusker gegen die Chatten, auf der Linie von Kassel bis zur Ederquelle. In der „Burghasungen“, 16 km bis 18 km westlich von Kassel glaubte er das Sommerlager der Römer zu erkennen, und fand von Römerhand in den Fels gehauen, Fratzen und Köpfe, etwa fünfzig bis sechzig im Ganzen, außerdem mit meterhohen Buchstaben eine Inschrift „VARVS“ in die Felswand gehauen, Münzen des Tiberius [42 v. Chr.-37 n. Chr.], Scherben u. a. m. In gewissen Abständen davon fanden sich ein zweites Lager und drittes Lager, letzteres nicht mehr ganz fertiggeworden, weil offenbar der Überfall der Germanen vorher erfolgt war. ─ Die Gegend entsprach den Darstellungen: Berge, Wälder, Sümpfe. ─ Für den Redner besteht kein Zweifel, daß hier das römische Heer unter Varus seinen Untergang gefunden hat, zumal da das Lager Aliso (in der Gegend von Lünen) nicht allzu fern war.
Mit dem Wort: „Der Streit um den Ort der Varusschlacht sei für die Forscher fast noch ein größeres Unglück als für die Römer selbst“, kennzeichnete ein Diskussionsredner die Wirkung des Vortrages. Es sprachen u. a. Pfarrer Otto Prein [1867-1945] [er entdeckte 1905 das Lager von Oberaden] und Museumsdirektor Prof. Dr. Albert Baum [1862-1934]. Die Lippe-Theorie, die Prein-Theorie und die Hülsenbeck-Theorie stießen hart aufeinander. Die Ausführungen des Redners wurden von der Mehrzahl der anwesenden Fachleute mit großer Skepsis ausgenommen. Zum Schluß ergriff Prof. Dr. Baum das Wort und wies als alter Praktikus des Spatens dem Redner und den an der Aussprache beteiligten Forschern nach, auf wie schwachen Füßen ihre Theorien stünden; wirkliche Funde als untrügliche Beweisstücke fehlten. Prof. Baum führte das Hypothesengebäude des Vortragenden wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück.
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