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  • In den Schulwandbildern wurden nicht nur Gebäude abgebildet, sondern diese und ihre architektonischen Elemente und Ornamente mit verschiedenen Bedeutungen aufgeladen. So wurden Häuser als Teil der sogenannten Pfahlbausiedlungen abgebildet, die bis in die 1930er-Jahre je nach Autor als ‚germanisch‘ oder ‚keltisch‘ interpretiert wurden. Die zwei Schulwandbilder der ‚Pfahlbau-Ansiedelung‘ vom Schweizer Künstler, Grafiker und Zeichner Alfred Marxer (1876-1945) stehen in Tradition der ‚Entdeckung‘ und Darstellung dieser Pfahlbausiedlungen. Die ältesten Abbildungen von Pfahlbauten wurden zunächst in Schulbüchern gedruckt und ähnelten den Illustrationen des Lehrers Ferdinand Keller. Dieser verfasste 1854 den ersten Bericht über die im selben Jahr gefundenen Überreste der Pfahlbausiedlungen (vgl. Kaeser 2008: 15; vgl. Raimann 2004: 79). Da erst ab 1936 farbige Wandbilder in hoher Auflagenzahl in der Schweiz hergestellt wurden, bezog das Land zuvor Wandbilder von ausländischen, überwiegend deutschen Verlagen (vgl. ebd.: 80f.).

    Marxers Schulwandbilder zeigen eine idealisierte und romantisierte Pfahlbausiedlung. Der Lehrerkommentar der älteren Auflage von 1911 datiert die Pfahlbausiedlung um 2000 v. Chr. (vgl. Heymann/Uebel 1921: 28). Die Siedlung ist eingebettet in eine alpine Seenlandschaft. Entgegen der Vermutung, dass es sich hierbei um den schweizerischen Murtensee handeln könnte, wird sie von den Leipziger Lehrern Theodor Heymann und Arthur Uebel in ihrem Lehrerkommentar an den Bodensee (vgl. ebd.; vgl. Grünig 2013: 113; vgl. Raimann 2004: 80f.) und somit an bzw. in das zeitgenössische Gebiet des Deutschen Nationalstaates gesetzt. Den Schülerinnen und Schülern werden die Pfahlbausiedlungen so geographisch und kulturell als Teil der eigenen Geschichte buchstäblich nähergebracht.

    Abb. 1: Marxer, Alfred: Pfahlbau-Ansiedelung (Prähistorisch), Leipziger Schulbilderverlag F. E. Wachsmuth: Ad. Lehmann’s kulturgeschichtliche Bilder, I. Abteilung: Geschichtliche Zeit, mittelalterliche und neuere Geschichte, Nr. 14, Leipzig o. J. (um 1911), Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien, Universität Würzburg, FHBW/RK3505.

    Im Hintergrund ist eine weitere Siedlung im Wasser abgebildet, die nur schemenhaft zu erkennen ist (vgl. Marxer um 1911: Abb. 1; vgl. Heymann/Uebel 1921: 28f.). Dies entspricht dem Bericht von Ferdinand Keller, der die Pfahlbausiedlung als einzelne Häuser darstellt, die auf einer gemeinsamen Plattform errichtet sind, welche vollständig vom Wasser umgegebenen ist. Diese spekulative Interpretation von Keller stütze sich auf ein Bild von Louis-Antoine de Sainson, das ein Dorf aus dem polynesischen Kulturraum darstellt. Dieses Bild basierte wiederum auf den Reiseberichten von Dumont d’Urville (vgl. Leckie 2013: 217f.). Heute gilt als gesichert, dass die Pfahlbaudörfer nicht vollständig von Wasser umgeben im See lagen, sondern in Ufernähe auf festen Böden oder in Sumpfbereichen errichtet wurden (vgl. Kaeser 2008: 75). Die Schulwandbilder zeigen die Siedlungen als künstliche Inseln, deren Bewohnende sich selbst mit Jägerei, Fischerei und Viehzucht versorgen konnten. Sie werden so als geschlossene, autarke Gemeinschaft dargestellt (vgl. auch Röder 2010: 20).

    Laut dem Begleittext zu Marxers ‚Pfahlbau-Ansiedelung‘ habe man nach der Errichtung der Plattform rechtwinklige Häuser errichtet. Die Wände aus Rundholz habe man mit Stroh, Moos und Lehm verkleidet und die Stroh- und Schilfdächer mit Querhölzern beschwert. Die Häuser würden zudem Türen und Fensterläden besitzen. Doch obwohl nur einzelne Funde einer Tür (in Robenhausen) und eines Fensterladens (am Bieler See) bekannt waren, wurden diese Einzelfunde für ganze Epochen und Kulturräume pauschalisiert (vgl. zum Vorherigen Heymann/Uebel 1921: 33f.). Die Pfahlbaugebäude werden im Schulwandbild durchweg als rechteckige Gebäude dargestellt. Diese Darstellung wird im Begleittext von 1921 durch die Schilderung „ausnahmslos rechtwinklig, in einzelnen Fällen quadratisch, aber nie rund“ (ebd.: 33, dort Anm. 1) bestätigt. Diese Behauptung ist ein Teilaspekt der Ex septentrione lux-Theorie. So müsse der griechische Tempel von älteren, ‚germanisch-nordischen‘ Architekturbauten mit ihrem vermeintlich typisch rechteckigen Grundriss abstammen. Im Gegensatz dazu würden rundliche Häuser eine Herkunft aus dem ‚Osten‘ belegen (vgl. Pastenaci 1935: 84f.; vgl. Schulz 1934: 19). Diese kulturellen Ausdrucksformen seien autonom entstanden, also ohne griechisch-römische Einflüsse. Gleichzeitig seien sie aber Ursprung der griechischen und römischen Bauformen. Die dargestellten Pfahlbauten zeichnen sich durch ein ähnliches Erscheinungsbild aus und lassen an sich auf keine soziale Unterschiede schließen. Sie erinnern an Einfamilienhäuser, die von Kleinfamilien bewohnt wurden (vgl. Röder 2015: 246; vgl. ebd. 2010: 19). Diese idealisierte Darstellung ist für die Illustratoren identisch mit den zeitgenössischen Idealvorstellungen der Gesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die hier auf die Pfahlbaugesellschaft übertragen und so archaisiert werden (vgl. Kaeser 2008: 83).

    Zwischen den Wohnhäusern ist eine Töpferei zu finden, welche auf keiner Pfahlbausiedlung fehle. Auffällig sind die Tongefäße vor dem Gebäude, die auf die materiellen Kulturleistungen der Pfahlbauenden schließen lassen sollen. Ebenfalls soll die große Rauchentwicklung, die durch die Öffnung im Dach dargestellt wird, auf das Brennen in der Töpferwerkstatt hinweisen (vgl. Heymann/Uebel 1921: 39f.; vgl. Marxer um 1911: Abb. 1). Bei der Überarbeitung des Wandbildes 1936 wurde diese Rauchabzugsöffnung komplett verschlossen (vgl. Marxer 1936: Abb. 2).

    Abb. 2: Marxer, Alfred [retuschiert]: Pfahlbau-Ansiedelung (Prähistorisch), Leipziger Schulbilderverlag F. E. Wachsmuth: Ad. Lehmann’s kulturgeschichtliche Bilder, I. Abteilung: Geschichtliche Zeit, mittelalterliche und neuere Geschichte, Nr. 14, Leipzig, o. J., veränderte Auflage: 1936, Privatbesitz.

    Ob und inwieweit der Schweizer Künstler Alfred Marxer Einfluss auf diese überarbeitete und an die NS-Ideologie angepasste Auflage von 1936 gehabt hat, ist nicht bekannt, aber unwahrscheinlich: So hat Marxer den Zweiten Weltkrieg überwiegend durch das Malen von Fantasielandschaften verarbeitet (vgl. Lüthy 2017: 1; vgl. Treydel 2021). Zudem zeugen seine in der Neuen Züricher Zeitung veröffentlichten Erinnerungen von einer Ablehnung des Krieges, von Realitätsflucht, von Schweizer Nationalpatriotismus und der Wertschätzung der Natur (vgl. Lüthy 1978: 14, 16 u. 19).

    In der Darstellung von 1936 strömt nun etwas Rauch durch das sogenannte ‚Eulenloch‘ – eine kleine Giebelöffnung unterhalb des Dachfirstes (vgl. Marxer 1936: Abb. 2). Durch sie konnten Eulen hineinfliegen und Kleintiere jagen. Diese Öffnung diente dem Entweichen des Rauches und der Beleuchtung des Dachbodens (vgl. Heuer 1999: 6). Sie wurde als Vorgänger der modernen Schornsteine, als Teil des modernen Kamins betrachtet. So werden historische Architekturformen aus anderen Kontexten mit gegenwärtigen Bauformen gleichgesetzt, um eine Kontinuität zu erzeugen. Dies zeigt sich auch an der Giebelzier. Einige Gebäude besitzen sich kreuzende, hinausragende Sparren, die eine schlichtere Form von geschnitzten Pferdeköpfen darstellen – eine frühere Form des zeitgenössischen Giebelschmucks (vgl. Marxer um 1911: Abb. 1; vgl. ebd. 1936: Abb. 2). Um diese Pferdeköpfe und weitere architektonische, vermeintlich ‚germanische‘ Elemente dreht sich der dritte und letzte Teil dieser Blogreihe.

    Quellenverzeichnis

    Heymann, Theodor; Uebel, Arthur: Aus vergangenen Tagen. Kommentar zu Ad. Lehmann’s kulturgeschichtlichen Bildern, Heft 4, Leipzig 1921.

    Marxer, Alfred: Pfahlbau-Ansiedelung (Prähistorisch), Leipziger Schulbilderverlag F. E. Wachsmuth: Ad. Lehmann’s kulturgeschichtliche Bilder, I. Abteilung: Geschichtliche Zeit, mittelalterliche und neuere Geschichte, Nr. 14, Leipzig o. J. (um 1911), Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien, Universität Würzburg, FHBW/RK3505.

    Marxer, Alfred [retuschiert]: Pfahlbau-Ansiedelung (Prähistorisch), Leipziger Schulbilderverlag F. E. Wachsmuth: Ad. Lehmann’s kulturgeschichtliche Bilder, I. Abteilung: Geschichtliche Zeit, mittelalterliche und neuere Geschichte, Nr. 14, Leipzig, o. J., veränderte Auflage: 1936, Privatbesitz.

    Pastenaci, Kurt: Die nordischen Grundlagen Europas, in: Der Schulungsbrief 2/3 (1935), S. 78-90.

    Schulz, Walther: Die Germanen ein Bauernvolk, Leipzig 1934.

    Literaturverzeichnis

    Grünig, Martin: Wo in der Geschichte stehen die Pfahlbauer?, in: Archäologischer Dienst des Kantons Bern; Erziehungsdirektion des Kantons Bern (Hrsg.): Die Pfahlbauer. Am Wasser und über die Alpen, Bern 2013, S. 106-115.

    Heuer, Ute: Giebelzierden. Pferdeköpfe, Giebelpfähle und Wetterfahnen am Beispiel der Lüneburger Heide, Hannover 1999.

    Kaeser, Marc Antoine: Visions d’une civilisation engloutie: La représentation des villages lacustres, de 1854 à nos jours / Ansichten einer versunkenen Welt: Die Darstellung der Pfahlbaudörfer seit 1854, Zürich 2008.

    Leckie, Katherine: Nature, Identity and Disaster: Prehistoric Lake Dwelling in Central Europe, in: Davies, Matthew I. J.; M’Mbogori, Freda Nkirote (Hrsg.): Humans and the Environment: New Archaeological Perspectives for the Twenty-First Century, Oxford 2013, S. 213-229.

    Lüthy, Hans A.: Art. Marxer, Alfred, in: SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, 2017 (erstmals publiziert 1998), online unter: https://recherche.sik-isea.ch/sik:person-4022751/in/sikart (Zugriff: 11.11.2023).

    Lüthy, Hans A.: Der Kilchberger Maler Alfred Marxer (1876–1945), in: Neujahrsblatt der Gemeinde Kilchberg 19 (1978), S. 4-10.

    Raimann, Peter: Pfahlbauer im Schulzimmer, in: as. Archäologie Schweiz. Mitteilungsblatt von Archäologie Schweiz 27/2 (2004), S. 78-83.

    Röder, Brigitte: Jäger sind anders – Sammlerinnen auch. Zur Deutungsmacht des bürgerlichen Geschlechter- und Familienmodells in der Prähistorischen Archäologie, in: Kienlin, Tobias L. (Hrsg.): Fremdheit – Perspektiven auf das Andere, Bonn 2015, S. 237-254.

    Röder, Brigitte: Verräterische Idyllen: urgeschichtliche Sozialverhältnisse auf archäologischen Lebensbildern, in: Claßen, Erich et al. (Hrsg.): Familie − Verwandtschaft − Sozialstrukturen: Sozialarchäologische Forschungen zu neolithischen Befunden, Kerpen-Loogh 2010, S. 13-30.

    Treydel, Renate: Art. Marxer, Alfred, in: Beyer, Andreas et al. (Hrsg.): Allgemeines Künst lerlexikon – Internationale Künstlerdatenbank, Berlin u.a. 2021, online unter: https://www.degruyter.com/database/AKL/entry/_00206584/html (Zugriff: 11.11.2023).


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