Von Pfahlbauten und Pferdeköpfen. ‚Germanische‘ Architektur auf Schulwandbildern. Teil 3: Die ‚Germanischen Gehöfte‘
Während im letzten Blogbeitrag die Giebelzier der Pfahlbauten am Rande erwähnt wurde, widmet sich dieser abschließende Teil den sogenannten Pferdeköpfen und weiteren architektonischen Ornamenten im Schulwandbild. Als geschnitzte Windbretter finden sich erstgenannte am Dachfirst in den zwei Versionen des ‚Germanischen Gehöftes‘. Die erste Version des Wandbildes aus dem Jahr 1889 stammte von Johannes Gehrts (1855-1921). Gehrts war bekannt für seine historienmalerischen, häufig patriotischen Werke und erlangte durch seine Illustrationen von Figuren aus Götter- und Heldensagen und des ‚germanischen Alltagslebens‘ den Spitznamen ‚Germanen-Gehrts‘ (vgl. Schroyen 2021; vgl. Bernhardt 1992: 16f.). Die zweite Version von 1934 wurde vom Illustrator, Genre- und Historienmaler Anton Hoffmann (1863-1938) geschaffen. Sie ersetzte Gehrts’ Wandbild spätestens mit dem sogenannten Wandbilderlass vom 4. Juli 1935. In diesem wurde angeordnet, Wandbilder, die nicht dem der „germanozentrischen Rassenlehre verpflichtende[n] Geschichtsbild“ (Hanke 2011: 196) entsprachen, aus den Schulen zu beseitigen (vgl. Schulwart 1935: 61; vgl. Ministerial-Erlass Bilder der „Theatergermanen“: 475).
Gehrts’ Version stelle laut dem dazugehörigen Lehrerkommentar von Heymann und Uebel „[e]ine packende und zugleich für den Kulturstandpunkt unserer Vorfahren bezeichnende Situation“ (Heymann/Uebel 1889: 7) dar. Das Bild zeigt eine Alltagsszene, in der der ‚Hofherr‘ im Bildzentrum von der Jagd mit Gefolge zurückgekehrt ist und die erlegten Tiere seiner Frau und Kindern präsentiert (vgl. ebd.; vgl. Gehrts 1889: Abb. 1; so auch Beck/Timm 2015: 49). In dieser Szene sind Pferdeköpfe als Giebelzier des Gebäudes im Hintergrund erkennbar, die zwischen dem Blattwerk einer Eiche hervorblitzen (vgl. Gehrts 1889: Abb. 1.). In zahlreichen Publikationen der um 1900 aufkommenden ‚Heimatbewegung‘ wurden die Pferdeköpfe als Giebelschmuck neu interpretiert und mit der neuen Bedeutung als regionales Symbol einer angeblichen ‚niedersächsischen Kultur‘ aufgeladen (vgl. Heuer 1999: 2).

Abb. 1: Gehrts, Johannes: Germanisches Gehöfte (Vor der Völkerwanderung), Leipziger Schulbilderverlag F. E. Wachsmuth: Ad. Lehmann’s kulturgeschichtliche Bilder, I. Abteilung: Geschichtliche Zeit, mittelalterliche und neuere Geschichte, Nr. 1, Leipzig 1889 [mehrere Auflagen], Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien, Universität Würzburg, FHBW/3489.
Zudem wurden bereits im 19. Jahrhundert die gekreuzten Pferdeköpfe als kulturelle Symbole germanischen Ursprungs völkisch-nationalistisch gedeutet: So könne an diesen bspw. die jeweilige ‚Stammeszugehörigkeit‘ (und ihre Wanderungsbewegungen) erkannt werden (vgl. ebd., S. 10f.; vgl. Nußbeck 1993: 17-27). Im Begleittext zum Bild von Gehrts heißt es entsprechend, dass der ‚Hofherr‘ „[…] zwei sich kreuzende Pferdehäupter geschnitzt und sie als Hausmarke – als Kennzeichen für alle Habe der Sippe, zu welchen man meist Darstellungen von Tierköpfen oder geradlinige Runenzeichen wählte – am Dachfirste befestigt“ (Heymann/Uebel 1889: 22) habe. Im Schulwandbild sind keine geradlinigen Hausmarken erkennbar. Die Gleichsetzung von Giebelzier und Hausmarke als Besitz- und Zugehörigkeitssymbol erfolgt also nur im Lehrerkommentar. Ebenfalls wurde die Deutung angeführt, dass die Pferdeköpfe das Haus schützen und segnen würden, indem sie dem Sturm- und Totengott Wodan preisen und ihn so besänftigen. Sein heiliges Begleittier sei das Pferd (vgl. ebd., S. 22f.; vgl. Heuer 1999: 11). In der 1934er Version sind ebenfalls Pferdeköpfe als Giebelzier dargestellt und die „[…] unheimlich, weißgebleichten Tierschädel auf Stangen und am Gebälk des Hauses – Symbole des Naturgötterglaubens der ‚alten Germanen‘ – […] kunstvoll geschnitzten Ornamenten und einem schlichten Runenzeichen über den Türeingängen gewichen“ (Müller 1984: 35). Im Begleittext dieser Version vom Prähistoriker Walther Schulz wird ergänzend die schützende Funktion der Firstzeichen erwähnt (vgl. Hoffmann 1934: Abb. 2; vgl. Schulz 1934: 18).
All diese Deutungsversuche sind nicht bewiesen (vgl. Heuer 1999: 10f.). Nach aktuellem Forschungsstand stammen die frühesten Belege für hölzerne Giebelzier in Form von Pferdeköpfen aus dem norddeutschen Raum aus dem 15. Jahrhundert, also nicht aus der Antike oder Urgeschichte (vgl. ebd.: 4). Es ist ebenfalls nicht möglich, anhand der Giebelzier auf die Verbreitungsgebiete ‚germanischer Stämme‘ zu schließen, da die gekreuzten Pferdeköpfe auch in anderen deutschen und ausländischen Regionen verbreitet sind und sich diese ungleiche Verbreitung nicht in Einklang bringen ließ (vgl. ebd.: 6 u. 10). Besitzzeichen gibt es zwar bereits seit der Urgeschichte, aber erst im Mittelalter mit einer wachsenden Siedlungsdichte existieren die aus Strichen zusammengesetzten Hausmarken. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie irrtümlich als germanische Runen bzw. Rechtszeichen gedeutet (vgl. Eiynck 2012: 176 u. 178).

Abb. 2: Hoffmann, Anton: Germanisches Gehöft um Christi Geburt (Wehrhaftes Bauerntum), Leipziger Schulbilderverlag F. E. Wachsmuth: Ad. Lehmann’s kulturgeschichtliche Bilder, III. Abteilung: Ur- und Vorgeschichte, Nr. 9, Leipzig 1934, Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien, Universität Würzburg, FHBW/RK3539.
Auf Hoffmanns Schulwandbild von 1934 ist neben den Pferdeköpfen und Tierschädeln eine Algiz-Rune abgebildet, die über dem Türrahmen zu sehen ist. Im Nationalsozialismus wurde sie als sogenannte ‚Lebensrune‘ gedeutet. Sie bedeutet ‚Schutz‘ oder ‚Elch‘ und war im Dritten Reich das Zeichen der Apotheker und Sanitäter (vgl. Krause 2017: 31 u. 204). Ebenfalls taucht die Algiz-Rune als Maðr-Rune um 1500 im isländischen Runengedicht auf, dort mit der Bedeutung ‚Mann‘/‚Mensch‘. In diesem Zusammenhang scheint die Rune auch als ‚Vermehrung der Erde‘ gedeutet worden zu sein (vgl. Dahmer 2019: 144). Diese Interpretation entspricht der Grundthematik des Schulwandbildes von 1934, das im Sinne der NS-Ideologie ein vermeintlich ‚wehrhaftes Bauerntum‘ vermitteln sollte. Verschiedene Theorien zur Herkunft der Runenschrift, etwa aus dem lateinischen, griechischen oder nordetruskischen Schriftsystem gemäß der Ex oriente lux-Theorie, entstanden ebenfalls im 19. Jahrhundert. Sie wurden jedoch im Sinne der Ex septentrione lux-Theorie abgelehnt und konnten bis heute nicht nachgewiesen werden (vgl. Krause 2017: 64f.). Pferdeköpfe als Giebelzier und Hausmarken sowie die Runenschrift wurden als vermeintlich autonom entstandene ‚germanische‘ Kulturelemente angesehen. Diese Vorstellung wurden von den Nationalsozialisten übernommen und mit ihrer rassistischen Ideologie verknüpft. Sie nutzten sie als Belege für eine angebliche ‚Hochkultur‘ der ‚Germanen‘ bzw. gleichgesetzten ‚Arier‘, die bis in die Gegenwart fortwirke (vgl. Heuer 1999: 11; vgl. Nußbeck 1993: 179).
Zeichen wie die eingeritzte Rune stellen ein Pendant zum lateinischen und griechischen Alphabet dar. Sie werden auch als Äquivalent zu Hausinschriften gesehen, die mit christlichen Segenssprüchen versehen sind. In Hoffmanns Wandbild werden so christliche bzw. klassizistische Elemente wie Hausinschriften oder das geschnitzte Rosettenfries am linken Haus umgedeutet. So wird die klassizistische Fächerrosette zu einem ‚germanischen‘ Sonnensymbol (vgl. Großmann 2009: 46f.). Diese Ornamente waren seit der Renaissance populär. Sie waren zeitgenössische Modeerscheinungen ohne mythische Symbolik (vgl. Heuer 1999: 12). Die Wahl dieser Motive hing von den Vorlagen des Kunstschaffenden oder den Vorlieben der Hausbesitzenden ab (vgl. ebd.: 10). Durch die angeblich ‚germanische‘ Ornamentik, Giebelzier und weitere Elemente – wie ‚Eulenloch‘, Giebeldach, den rechteckigen Grundriss und fachwerkartige Wände – wird eine Verbindung zwischen dem dargestellten antiken ‚germanischen Gehöft‘ und dem niederdeutschen Hallenhaus hergestellt (zur vermeintlichen Kontinuität vgl. bspw. Schulz 1934: 11-19). Ebenso wird eine heimische Vergangenheit geschaffen, die außerhalb der römisch-griechischen sowie der christlich-jüdisch-islamischen Antike positioniert wird und entsprechend autonom erscheint (vgl. Timm 2019: 60).
Die untersuchten architektonischen Elemente, mitunter Modeerscheinungen der zeitgenössischen Gegenwart, werden in den Wandbildern ‚germanisiert‘, bis in die Antike und Urgeschichte projiziert und so archaisiert, obwohl sie jüngeren Datums sind. Gleichzeitig werden die Elemente mit gegenwärtigen Bauformen identifiziert. Die archaisierten Architekturformen wurden so zum ahistorischen, ewigwährenden und ethnischen Merkmal. Dieses wurde u.a. im alltäglichen Schulunterricht durch Schulwandbilder vermittelt, die teilweise heute im Internet uneingeschränkt käuflich erwerbbar sind.
Quellenverzeichnis
Bilder der „Theatergermanen“. (Min.-Erlaß vom 4. Juli 1935.), in: Der National-Sozialistische Erzieher: Gauamtliche Wochenzeitschrift des NS-Lehrerbundes Gau Westfalen-Süd 3/31-34 (1935), S. 475.
Gehrts, Johannes: Germanisches Gehöfte (Vor der Völkerwanderung), Leipziger Schulbilderverlag F. E. Wachsmuth: Ad. Lehmann’s kulturgeschichtliche Bilder, I. Abteilung: Geschichtliche Zeit, mittelalterliche und neuere Geschichte, Nr. 1, Leipzig 1889 [mehrere Auflagen], Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien, Universität Würzburg, FHBW/3489.
Heymann, Theodor; Uebel, Arthur: Aus vergangenen Tagen. Kommentar zu Ad. Lehmann’s kulturgeschichtlichen Bildern, Heft 1, Leipzig 1889.
Hoffmann, Anton: Germanisches Gehöft um Christi Geburt (Wehrhaftes Bauerntum), Leipziger Schulbilderverlag F. E. Wachsmuth: Ad. Lehmann’s kulturgeschichtliche Bilder, III. Abteilung: Ur- und Vorgeschichte, Nr. 9, Leipzig 1934, Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien, Universität Würzburg, FHBW/RK3539.
Schulwart: Berichte über neue Lehrmittel 32/3 (1935), S. 61.
Schulz, Walther: Die Germanen ein Bauernvolk, Leipzig 1934.
Literaturverzeichnis
Beck, Erik; Timm, Arne: Das nationalsozialistische Germanenbild auf Schulwandbildern der NS-Zeit, in: Beck, Erik; Timm, Arne (Hrsg.): Mythos Germanien. Das nationalsozialistische Germanenbild in Schulunterricht und Alltag der NS-Zeit, Dortmund 2015, S. 36-59.
Bernhardt, Günter: Bilder früher Menschen – Vorspann, in: Bernhardt, Günter (Hrsg.): Bil der früher Menschen. Archäologie und Rekonstruktion, Münster 1992, S. 9-24.
Dahmer, Adam: Pagans, Nazis, Gaels, and the Algiz Rune: Addressing Questions of Historical Inaccuracy, Cultural Appropriation, and the Arguable Use of Hate Symbols at the Festivals of Edinburgh’s Beltane Fire Society, in: Temenos 55/1 (2019), S. 137-155.
Eiynck, Andreas: Hausmarken – geheimnisvolle Zeichen an Häusern und Antiquitäten, in: Emsland-Jahrbuch 58 (2012), S. 175-214.
Großmann, Georg Ulrich: Völkisch und national – Der „Beitrag der Hausforschung zum Wiederaufleben der Runenkunde des SS-Ahnenerbes, in: Puschner, Uwe; Großmann, Georg Ulrich (Hrsg.): Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert, Darmstadt 2009, S. 31-64.
Hanke, Barbara: Geschichtskultur an höheren Schulen von der Wilhelminischen Ära bis zum Zweiten Weltkrieg. Das Beispiel Westfalen, Berlin 2011 (Zugl. Diss. Münster 2010).
Heuer, Ute: Giebelzierden. Pferdeköpfe, Giebelpfähle und Wetterfahnen am Beispiel der Lüneburger Heide, Hannover 1999.
Krause, Arnulf: Runen. Geschichte – Gebrauch – Bedeutung, Wiesbaden 2017.
Müller, Walter: Schulwandbilder als Spiegel des „Zeitgeistes“?, in: Brög, Hans (bearb.): Die weite Welt im Klassenzimmer. Schulwandbilder zwischen 1880 und 1980, Köln 1984, S. 30-43.
Nußbeck, Ulrich: Karl Theodor Weigel und das Göttinger Sinnbildarchiv. Eine Karriere im Dritten Reich, Göttingen 1993.
Schroyen, Sabine: Art. Gehrts, Johannes, in: Beyer, Andreas; Savoy, Bénédicte; Tegethoff, Wolf (Hrsg.): Allgemeines Künstlerlexikon – Internationale Künstlerdatenbank, Berlin u.a. 2021, online unter: https://www.degruyter.com/database/AKL/entry/_00196180/html (Zugriff: 05.12.2023).
Timm, Elisabeth: Die Ästhetik der Hysterie zwischen Ritual und Realie, ca. 1900. Kulturanthropologie und Wissensgeschichte einer Votivgabe, in: Herrmann, Britta (Hrsg.): Anthropologie und Ästhetik. Interdisziplinäre Perspektiven, München 2019, S. 55-95.
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