Wie der aktuelle Melania-Film die Haßleben-Leuna-Gruppe erklären könnte
Vor einem halben Jahrhundert warf der Prähistoriker Georg Kossack eine weitsichtige Frage auf: Sind bestimmte Prunkgräber ein Krisenphänomen? Zeigt ihr augenfälliges Repräsentationsbedürfnis an, dass hier keine althergebrachte Herrschaft aufscheint, sondern etwas Neues, Autoritäres, das sich erst einmal etablieren muss?
Die Gräber der Haßleben-Leuna-Gruppe gehören zu den Musterbeispielen für diese Theorie. Es handelt sich dabei um ungemein reiche Grabfunde im zwischen mittlerer Elbe und den Karpaten, die in der Krisenzeit des dritten Jahrhunderts nach Christus aufkamen. Römischer Prunk tritt bei ihnen in überbordendem Ausmaß auf. Legitimation war hier anscheinend nicht einfach da. Sie musste durch starke Inszenierungen erzeugt werden. Dazu gehört immer ein Schuss Altehrwürdigkeit. Gerade die qualitativ herausragenden Objekte waren häufig schon 80 bis 100 Jahre alt als sie ins Grab kamen. So fand sich im Grab 2 im slowakischen Stráže ein dreieinhalb Kilo schwerer massiver Silberteller. Auf dem Prachtgeschirr ist in zahlreichen Szenen die Vertreibung des letzten tarquinischen Königs und die Gründung der römischen Republik dargestellt. Wahrscheinlich wurde er zur 900-Jahrfeier Roms im Jahr 147 hergestellt. Das Prestigeobjekt kam also erst in der dritten oder sogar vierten Besitzergeneration ins Grab. Die Reihe solcher besonders alter und besonders kostbarer Objekte in diesen Gräbern ließe sich noch lange fortsetzen. Ihr Alter schmälert den Wert dieser Dinge nicht, es macht sie interessanter. Hier wurden Traditionen produziert.
Fast alle Gräber der Haßleben-Leuna-Gruppe sind nicht ausgeraubt. Prunkgräber aus anderen Epochen wurden dagegen so gut wie immer komplett durchwühlt und ausgenommen wie Weihnachtsgänse. Die Haßleben-Leuna-Gräber sind durch die Folgegenerationen anscheinend vor Plünderungen geschützt worden. Und sie waren derart mit Bedeutung aufgeladen, dass sie niemand anzutasten wagte. Am meisten vom Charisma der Vorgänger profitierten ja die Nachfolger der Bestatteten. Sie waren es, die das Grabzeremoniell inszenierten und die Erinnerung daran am Leben hielten. Politisch entscheidend ist nicht das Grab an sich – wenn es zugeschüttet ist, sieht man es ja nicht mehr. Nachhaltig wirkt die Erinnerung an das Bestattungsevent der heldenhaften Ahnen und alles was davon obertägig weiter beeindruckt. So werden Gräber zum Orientierungsrahmen der kollektiven Erinnerung.
Die Beigabenensembles der Gräber sind recht einheitlich zusammengestellt: Goldringe, Glasgefäße, römische Metallgefäße, Eimer, Pressbleche mit Bildchiffren, freihandgeformte Keramik, Brettspiele. Waffen und Reitzeug findet man dagegen so gut wie nicht. Auffällig häufig sind vielmehr symbolisch aufgeladene Gegenstände, etwa Silbermesser und Silberscheren. Sie sind deutlich kleiner als die normalen Eisenmesser und Eisenscheren. Auch die Pfeilspitzen sind manchmal aus Bronze und Silber statt aus Eisen. Sie treten häufig in der Dreizahl auf. Manche von ihnen sind aufgrund ihrer Asymmetrie und aufgrund ihrer Fragilität schussuntauglich. Dass diese Gegenstände irgendetwas versinnbildlichen, ist offensichtlich. Die Geschichte, die dahintersteckt, muss etwas Bedeutendes für alle gewesen sein. Das gilt auch für die Bildwelten. Charakteristisch für die reichen Ausstattungen der Gruppe Haßleben-Leuna sind Pressbleche mit emblematischen Tieren in Seitenansicht. Eine Besonderheit sind schließlich Mehrfachausstattungen, wie die beiden Gürtel aus dem Prunkgrab von Gommern in Sachsen-Anhalt. Dort lag zum einen ein sehr filigranes Exemplar: Sein mit feinen Durchbruchmustern durchzogenes und mit Blattgold hinterlegtes Leder war nicht für den täglichen Gebrauch gedacht. Für die Schnalle aus dünnem Blech gilt dasselbe. Als Backup für den Sonntagsgürtel wurde ein alltagstauglicher Gürtel beigegeben. Ähnliche Sonntagsgürtel wurden im südpolnischen Zakrzów und im slowakischen Stráže entdeckt, auch hier ergänzt durch eine robuste Ausführung. Der kaum funktionsfähige Gürtel wirkt wie eine Amtstracht, wie ein Ornat. Ebenfalls kaum zum Dauergebrauch geeignet waren die mit silbervergoldetem Pressblech verzierten Schuhe aus Ostrovany in der Slowakei. Von dort stammt auch eine so genannte Kaiserfibel, eine römische Gewandspange die einst einen Prunkmantel zusammenhielt. Ein solcher Mantel war nicht einfach nur ein Prestigeobjekt, sondern ein Würdezeichen der höheren Verwaltung Roms. Ihn mit ins Grab zu nehmen, war ein politisches Statement.

Was hat das mit dem gerade angelaufenen Film zu Melania Trump zu tun? Auch dieser Streifen zeigt keine Lebensgeschichte – ganz anders als alle anderen vergleichbaren Filme. Er erzählt fast ausschließlich, wie sich Melania professionell inszeniert. Während seiner 104 Minuten Laufzeit geht es vor allem um Millimeterarbeit beim Serviettenaufstellen am perfekten Tisch, um den Winkel der omnipräsenten Stöckelschuhe, um den Faltenwurf der Dior-Kleider. Und der Film kostete sagenhafte 75 Millionen Euro. Vergleichbare Streifen haben bislang nur einen Bruchteil davon gekostet.
Konventionelle Biopics zur großen Politik – wie etwa die Filme zu Angela Merkel oder Robert Habeck – sind natürlich auch Promotion-Clips. Raffiniert werden in ihnen Schwächen der Protagonisten untergeschoben, um zu vermitteln, dass es hier um ganz normale Menschen geht. Leute wie Du und Ich. Ganz anders bei Melania: Dort ist alles bis auf die letzte Serviettenfalte perfekt, Unsicherheiten werden komplett ausgeblendet. Trotz der vielen Schminke: Propaganda wird hier ungeschminkt als Propaganda gezeigt, unverwässert durch (mit)-menschliche Attitüden. Menschen machen Fehler, Melania nicht. Das zeigt sich so im großen ersten Teil des Melania-Filmes, in dem es eigentlich nur darum geht, wie man sich perfekt inszeniert. Noch deutlicher wird es, wenn gegen Ende des Melania-Filmes noch ein paar Charity-Momente aufblitzen. Dann wird aus sozialem Engagement eine spiegelglatte Wohltätigkeits-Show – eine visuelle Verhöhnung des Sozialabbaus, der derzeit in den USA läuft.
Welche Menschen soll das ansprechen? Sicher nicht in erster Linie den linksliberalen Bildungsbürger. Melanias porentief glatte, ungemein aufwändig produzierte Traumwelt erinnert mehr an „Das perfekte Dinner“ als an Arte-Dokus. Adressiert ist der Film vor allem an die Profiteure des neuen Trump-Systems und an solche, die gerne Profiteure wären. An Menschen, die sich einen Panzer an symbolischem Kapital aufbauen. Insbesondere an Aufsteiger, schließlich kam das Vorbild Melania als weniger betuchte slowenische Immigrantin in die USA und hat es bis ganz Oben geschafft. Keine gesellschaftliche Gruppe ist mehr darauf bedacht, sich von den Nachrückern abzusetzen, als diejenigen, welche gerade die Kurve gekriegt haben. Aufsteiger machen in der Regel die Tür zum strahlend weißen Salon der Arrivierten sehr schnell hinter sich zu. Richtig wohl im Salon fühlen sie sich dabei zwar nicht – auch Melania scheint den Pomp um sie herum keine Sekunde des Films zu genießen. Aber das macht den Adressaten des Filmes nichts: Sie fühlen sich mächtig, weil sie sich lückenlos mit den Omnipotenten identifizieren. Und mit deren Herrschaftskultur. Dass man sich dabei unumstößlichen Hierarchien unterwirft, wird nicht nur akzeptiert, sondern sogar genossen. Theodor W. Adorno hat das sehr ausführlich in seinen Studien zur autoritären Persönlichkeit beschrieben. Der Fetischcharakter dieser Etikettenweltgeilheit spiegelt sich auch darin, dass die Kamera immer wieder nahezu manisch auf Melanias High-Heels in Großaufnahme fokussiert.
Bei den Toten aus der Haßleben-Leuna-Gruppe scheint es sich auch um eine neue Oberschicht zu handeln. Oder zumindest um eine sich komplett neu formatierende Oberschicht. Im thüringischen Frienstedt zeigen etwa genetische Untersuchungen, dass die Gründergeneration des Haßleben-Leuna-Horizontes nicht miteinander verwandt war. Es muss eine Art Goldgräberstimmung in dieser Zeit geherrscht haben, in der sich Hierarchien verfestigten. Der Einfluss des römischen Militärs war sicherlich der wichtigste Impuls bei diesen Veränderungen. Der römischer Prunk wird dabei sehr eigentümlich eingesetzt (wie etwa bei der römischen Silberschale aus dem Fürstengrab von Gommern bei Magdeburg, die zu einem Schildbuckel umgearbeitet wurde).
Natürlich wissen wir unendlich mehr über Melania Trump als über die Fürstin von Haßleben. Und es verbietet sich, beide Phänomene 1:1 miteinander zu vergleichen. Es ist stark anzunehmen, dass die germanische Symbolwelt viel komplexer war als der Melaniafilm. Und dennoch: Die Lust an überbordender Etikette scheint häufig mit neuen Herrschaftsambitionen verbunden zu sein.

Literatur:
Georg Kossack, Prunkgräber. Bemerkungen zu Eigenschaften und Aussagewert. In: G. Kossack/G. Ulbert (Hrsg.), Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie. Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag (München 1974) 3–33.
Abb. 1: Melania Trump. Foto: Joint Congressional Committee on Inaugural Ceremonies/Wikipedia.
Abb. 2: Silberfibeln aus dem Fürstinnengrab von Haßleben in Thüringen.
Foto: Wolfgang Sauber/Wikipedia.
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